Hilfe, wir sind der Welt vollkommen egal

Ich habe Meredith Haafs bei Holger Klein in der Nightline auf you-fm gehört und bin so auf ihren  Text  „Hilfe die Welt will was von uns“ aufmerksam geworden.

Vorweg: Ich stimme im Grunde diesem Text in kaum einem Punkt wirklich zu. Daher möchte ich im Folgenden eine kleine Antwort und meine Sicht zur thematisierten Generation (der ich selbst angehöre, von daher bin ich auch ein „Betroffener“) formulieren:

These 1 – Meine Generation ist geschwätzig

Auf die allermeisten Angehörigen dieser Generation trifft das nicht zu. Kaum jemand in „der Welt da draußen“ hat einen Twitter Account und noch viel weniger nutzen den Dienst aktiv, noch weniger Bloggen und Flickr kennt ein großer Teil der Generation nichtmal. Facebook ist in den allermeisten Fällen nur dazu da mit ausländischen Bekannten lockeren Kontakt zu halten und in der Mutter aller Verzeichnisse, dem StudiVZ, versteckt man sich hinter Pseudonymen und den Privatsphäre-Optionen wenn man überhaupt noch einen Account hat. Ein relativ kleiner und naiv begeisterter Teil der Generation (zu dem ich wahrscheinlich selbst gehöre) ist vielleicht geschwätzig und Mitteilungssüchtig aber ein übergreifendes Phänomen ist das mit Sicherheit nicht.

Selbst wenn es so wäre, sähe ich darin kein Problem, das Netz hat genug Platz für alle und wenn ich potentiell mit der ganzen Welt reden kann, warum sollte ich dies nicht auch machen?

These 2 – Wir sind nicht fähig, Kritik zu üben

Das Netz hat Flamewars, Trolls und epische Grundsatzdiskussionen zu einer, zugegebenermaßen sehr anstrengenden, Art Kultur gemacht. Streit und Kritik wird regelrecht kultiviert in bestimmten Bereichen des Netzes. Kritik zu äußern und „dagegen“ zu sein ist für einige offenbar ein Lebensinhalt. Für das Netz stimmt diese Aussage also definitiv nicht.

Zustimmen kann ich, das der Widerspruch und Kritik innerhalb der Studenten an Hochschulen nicht immer in genügendem Maße gepflegt und kultiviert wird. Ein ernsthaftes Problem ist dies vor allem für bestimmte geisteswissenschaftliche Fachbereiche und die Wirtschaftswissenschaften, denn hier müsste grundsätzliche Systemkritik entstehen.

In den Struktur-, Ingenieurs- und Naturwissenschaften ist eine fachspezifische Form des kritischen Denkens hingegen schon immer Grundlage der wissenschaftlichen Arbeit und integraler Bestandteil des Studiums.

Nicht die Generation an sich ist unfähig Kritik zu üben, sondern der Teil der Generation der Systemkritik formuliern könnte ist es offenbar.

These 3 – Wir wissen, was auf uns zukommt – und haben: Angst

Wir wissen eben nicht was auf uns zukommt, eben das löst erst Zukunftsangst aus, welche in vielen Bereichen auch berechtigt ist.

Ein neues Phänomen ist das allerdings nicht, die junge Generation sah sich in den 80er Jahren beispielsweise mit der realistischen Aussicht auf einen globalen Nuklearkrieg und viel offensichtlicherer Umweltzerstörung als heute konfrontiert. Angst, nicht vor wirtschaftlichen Problemen sondern vor dem unmittelbar bevorstehenden Tod, war auch damals ein beherrschendes Moment in der damaligen jungen Generation.

Damals wie heute ist allerdings die Angst für den Großteil der jeweiligen jungen Generation aber nicht der Hauptantrieb, sondern wird vor allem verdrängt. Man denkt nicht über die fernere Zukunft nach, sondern konzentriert sich auf das hier und jetzt und auf die nächsten kleinen Schritte.

These 4 – Meine Generation hat keine Subkultur

Es gibt,  glücklicherweise muss man sagen, keine Hegemonie einer oder zweier Subkulturen in der jungen Generation. Wie armselig wäre dieser Zustand auch. Das Konzept der hegemonialen Subkultur hat sich überlebt und landet endlich auf dem Müllhaufen der Geschichte. Die neue Subkultur ist die Abwesenheit einer Subkultur.

Das Netz ist das Element welches die junge Generation von allen vorherigen klar abgrenzt. Wir haben heute vollkommen individualisierte Playlists mit Musik die selbst der nahe Freundeskreis nichtmal kennt, wir beziehen unsere Informationen aus vollkommen individualisierten Quellen, bewegen uns in völlig verschiedenen Communities und spielen dort vollkommen unterschiedliche Rollen.

Da sich der Mainstream in der Auflösung befindet (oder, je nach Betrachtungsweise, auch unendlich breit wird), ist es auch unsinnig Emos und Hipster (zwei Strömungen denen ich höchstens eine marginale Bedeutung beimessen würde) als einzige Alternativen zu betrachten. Entweder gehören auch Emos und Hipster zum Mainstream oder es gibt eine unüberschaubare Menge an Alternativen.

These 5 – Wir fürchten die Konfrontation

Für einen großen Teil der jungen Generation trifft das mit Sicherheit zu, leider. Die Energie zur gesellschaftlichen Veränderung wurde allerdings nie in einem Großteil einer Generation aufgebracht, sondern immer nur in einem kleinen, relativ elitären Teil einer Generation. Die Mehrheit einer Generation war immer eher konformistisch. Daher ist das Problem vielmehr, das diese kleine energetische Gruppe innerhalb der jungen Generation offenbar zu wenig attraktiv und zu schwach ist.

These 6 – Wir sind uns nicht zu schade

Dieses Phänomen existiert wahrscheinlich, nur beobachtet habe ich das noch nie. Im Gegenteil: Entweder man studiert mehr oder weniger zielstrebig, oder man studiert als Alibiveranstaltung und macht was anderes mit seiner Zeit oder man arbeitet in einem festen Job bzw. einer festen Ausbildung. Das Problem der endlosen Praktika ist eher ein fachspezifisches.

Desweiteren ist Erwerbsarbeit auch nicht unbedingt erstrebenswert. Ein fester Job engt ein, kostet massiv Lebenszeit bzw. Energie und daher Lebensqualität. Warum sollte man also nicht den Berufseinstieg weit verzögern, wenn man kann?

These 7 – Wir lieben unser gestörtes Körperbild

Wahrscheinlich stimmt dies in weiten Teilen. Ich finde diesen Punkt dermaßen irrelevant, dass ich damit kaum auseinandersetzen kann.

These 8 – Wir denken nicht politisch

Wir denken politisch aber wir denken nicht ideologisch und haben daher ein Problem mit dem Parteiensystem. Bewegungen wie die Proteste gegen Internetsperren, die Piraten, Campact und Attac zeigen, dass es auch unter uns politisch denkende Mitglieder unserer Generation gibt welche Alternativen formulieren.

Wir sind die erste Generation die in einer unipolaren Welt groß geworden ist. Die Kritik bestimmter Gruppen in früheren Generationen am bestehenden System war einfach, angesichts der damals existierenden Realisation einer (menschenverachtenden) sozialistischen Alternative. Die Politisierung früherer Generationen ist ohne die Zweiteilung der Welt nicht denkbar. Wir leben daher unter erschwerten Bedingungen, wer nicht durch einen Gegner herausgefordert wird schärft natürlich auch nicht seine Fähigkeit etwas zu verteidigen bzw. die Gegnerseite zu kritisieren.

Die innere Befindlichkeit einer Generation ist immer Folge der äußeren Bedingungen, anzunehmen unsere Generation könnte sich aus sich heraus Transformieren ist illusorisch. Daher kann uns auch vollkommen egal sein was kommende Generationen über uns sagen werden. Willentlich steuern können wir unsere Befindlichkeit nicht und verächtlich abgrenzen werden sich kommende Generationen ohnehin.

Update:

Rafael Reisenhofer formuliert elegant was ich auch sagen wollte

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