Neues von Tinder (001)

Tinder ist wirklich so ein Thema für sich. Es ist wirklich bemerkenswert, wie sehr sich die, oft überwunden geglaubten, Geschlechtsstereotype in dem Netzwerk widerspiegeln. Männer swipen alles rechts, aus spieltheoretischen Überlegungen heraus ist das natürlich auch durchaus nachvollziehbar. Frauen swipen so gut wie alles links und wenn es zum Match kommt, sitzen sie da und warten auf die Kontaktaufnahme der Männerwelt. Im Grunde die gleichen Kontaktaufnahme-Rituale wie vor 50 Jahren nur übertragen in die digitale Welt.

Heute vormittag das Gleiche:

„Ich habe drauf gewartet, dass du mir schreibst“

Meine Gegenfrage warum ich denn jemandem schreiben sollte, der selbst nicht bereit ist zehn Sekunden in eine eigene Kontaktaufnahme zu investieren führte erwartungsgemäß nicht zu einer fruchtbaren Diskussion. Bemerkenswerterweise ist der Dame selbst die Arbeit den Kontakt zu mir zu killen per Block (immerhin 2 taps auf dem Telefon) offenbar zu viel Aufwand.

Warum nochmal hätte ich in einen Kontakt mit ihr investieren sollen aus ihrer Sicht?

Der Anfang einer Beziehung

Ich habe länger drüber über die Dynamik des Beginns von Beziehungen nachgedacht. Inzwischen glaube ich zumindest für mich, dass der Beginn einer Beziehung in ganz überwiegendem Maße nur ein Sinn hat: Den Aufwand und die „Investitionskosten“ für halbwegs regelmässigen Geschlechtsverkehr zu minimieren.

Alles andere, emotionale Bindung, nicht „allein sein“ wollen, einen anderen Menschen auf emotionaler Ebene kennenlernen und ähnliche Aspekte die man üblicherweise mit einer partnerschaftlichen Beziehung verknüpft, sind vollkommen nachrangig und bleiben es auch für relativ lange Zeit. Etwas überspitzt formuliert: Der Deal am Anfang ist, dass man Freiheit und Unabhängigkeit aufgibt und im Gegenzug sexuelle Aktivitäten erhält.

Ich finde das ist überhaupt eine Erwähnung wert, weil ich auch glaube, dass das für viele, wenn nicht die meisten Menschen eigentlich so ist. Ich habe aber den Eindruck, dass sich viele Beziehungssuchende dessen entweder nicht bewusst sind oder das absichtlich aus ihrem Bewusstsein verdrängen.

Ich glaube, wäre man diesbezüglich ehrlicher zu sich selbst und auch zu anderen, könnte die Suche einer neuen Beziehung sehr viel weniger schmerzhaft und verletzend sein.

Facebook und Google

Offenbar habe ich die Fähigkeit Facebook und Google recht effizient zur Aufdeckung von Identitäten zu nutzen. Natürlich nutze ich diese Fähigkeit um mehr über attraktive Frauen in meiner Umgebung zu erfahren, allen voran den Damen denen ich regelmässig beim Uni-Sport begegne. So auch heute Abend, wo ich alleine, auf einer kurzen Reise, bei Freunden alleine in einem kalten und etwas unaufgeräumten, vollgestellten Gästezimmer mit meinem Rechner sitze.

Zur kleinen Freude, über den Social-Graph auf Facebook, die Identität einer der hübschesten und begehrenswertesten Frauen die mir je begegnet sind aufgedeckt zu haben und jetzt ihren vollen Namen zu kennen, kommt natürlich die Ernüchterung.

Sie ist, natürlich, vergeben und wirkt glücklich (was allerdings auf Facebook nicht so viel bedeutet finde ich), viel zu jung, und eben äußerst attraktiv, zumindest körperlich. Schlussendlich: Sie ist unerreichbar, ihresgleichen sind unerreichbar.

Und ich bleibe zurück, mit der Erkenntnis, dass ich keine meine bisherigen Partnerinnen als körperlich wirklich attraktiv klassifizieren würde.

Neid

Neid ist der eigentliche Antrieb der Menschen.
Man begehrt das was andere Menschen habe und man begehrt andere Menschen selbst, ihre Körper, ihre Aufmerksamkeit, ihre Liebe. Nichts ist einem genug. Man ist süchtig nach Anerkennung und Befriedigung.

Jede Entscheidung bedeutet unendlich viele Möglichkeiten nicht zu leben. Das eigene Leben kommt einem fahl und langweilig vor, das Leben der Anderen ist immer bunter, süßer, geiler, besser.

Diejenigen denen es schlechter geht, die weniger haben, für die man selbst die Projektionsfläche ist, die blendet man aus.

Das Netz macht das alles noch schlimmer, weil es alles, wirklich alles, beschleunigt.

Leere

Gefühlte Leere, das Gefühl nicht gesehen und nicht als das was man ist beachtet zu werden, nur aufzufüllen durch das Interesse und die Bewunderung anderer Menschen obwohl man selbst nicht viel zurückzugeben hat. Der Wunsch, dass die eigene Eitelkeit körperlich und seelisch befriedigt wird, der Wunsch besonders zu sein, der Wunsch selbst ein interessantes, nicht normales Leben zu führen wie all die anderen um einen herum, die scheinbar so viel mehr erleben, so viel spannender sind, so viel besseren Sex haben, so viel beliebter sind, so viel besser aussehen als man selbst.

Die nagende Wut und der zersetzende Hass auf alles was man glaubt haben zu wollen aber nicht haben kann. Die Angst, dass mit jeder Minute das unausweichliche finale Ende naht.

Das schale Gefühl nach dem kurzen Kontrollverlust, in dem man der geifernden Gier nach mehr nachgab, den man sich nicht vorstellen konnte, überhaupt zulassen zu können, nun alle Folgen ertragen zu müssen, die Unsicherheit aushalten zu müssen die man selbst erzeugt hat.

Verantwortung

Kann man verantwortlich sein für Emotionen und Gefühle? Von
aussen kann man eigentlich nur für konkretes Handeln verantwortlich
gemacht werden, die Gedanken sind frei. Was ist aber mit den
Gedanken selbst, was ist wenn das Auftauchen eines Gefühls oder
einer Idee selbst schon die Sache darstellt für die sich die Frage
nach der Verantwortung stellt. Kann man eine Schuld tragen für eine
Emotion? Selbst wenn man sie versucht nicht nach außen zu tragen,
Folgen wird sie dennoch haben, man ist niemals der Gleiche wie
vorher. Trägt man für diese Veränderung Schuld?

Die dünne Decke der Rationalität

Manche Menschen, so wie ich, geben sich der Illusion hin, sie könnten rationale Entscheidungen fällen und durchhalten. Man entscheidet sich rational für einen Lebensentwurf und solange diese Entscheidung nicht auf die Probe gestellt wird, ist alles gut, hält man sie durch.

Dann aber wird sie auf die Probe gestellt und ganz bewusst, obwohl man sich rational dagegen entschieden hat, tut man Dinge die man sich nie zugetraut hätte, verletzt die selbstgestellten moralischen Ansprüche, lügt und betrügt obwohl man sich geschworen hatte loyal und integer zu sein. Eine Woge aus Gefühlen und verlockenden Reizen bricht über einen hinweg und obwohl man weiß dass diese Woge das ganze bisherige Leben in Stücke schlagen könnte, durchtrennt man selbst die Sicherungsseile, die einen mit dem vertrauten bisherige Leben verbinden.

Das alles bedeutet so viel Leid und Schmerz. Wenn ich eine Möglichkeit hätte, diese Woge aufzuhalten und sei es mit Hilfe von Eingriffen in die Chemie im Gehirn, ich würde es wahrscheinlich tun, ich würde zugunsten rationaler Entscheidungen meine Gefühle abschalten. Wahrscheinlich ist es gut, dass ich das nicht kann, ich würde meine Menschlichkeit verlieren.

Was die Zukunft bringt liegt im Ungewissen, ob die Woge mich wegspült oder nicht auch, noch hänge ich an einem Seil.